Musik statt Medikamente

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Pharmazie-Professor Peter Ruth als DJ in der Professorennacht. Tübingen 2014. Foto: Martin Schreier / schreier.co
Pharmazie-Professor Peter Ruth als DJ in der Professorennacht. Tübingen 2014. Foto: Martin Schreier / schreier.co

 

Von Martin Schreier

TÜBINGEN. Spät, laut, lustig – und keinesfalls ernst zu nehmen. Das war die Professorennacht von Freitag auf Samstag in der Mensa Morgenstelle. Der auf 22 Uhr ohnehin schon spät angesetzte akademische DJ-Wettbewerb begann erst kurz vor Mitternacht.

Der Grund dafür? An diesem Abend haben Studenten – und der Veranstalter – die Macht. »Wenn die Studenten nicht früher kommen, macht es keinen Sinn, mit dem Wettstreit zu beginnen«, sagt Veranstalter Gunnar Larsson. Allerdings stimmt auch: Wenn Veranstalter Gunnar Larsson nicht früher beginnen will, obwohl die Tanzfläche gegen 23 Uhr gut gefüllt ist, dann tut er es eben nicht.

In drei Etappen sollen jeweils zwei Lehrende der Alma Mater gegeneinander antreten. Wer am Ende seines Auftritts den lauteren Jubel einstreicht, gewinnt das Plattenderby. So die Theorie. Was Profs und Studies vorenthalten wird: Der Veranstalter hat an diesem Abend kein funktionierendes Lautstärkenmessgerät. Eine schicke Smartphone-App soll über den Mangel hinwegtäuschen. Doch dem Vernehmen nach endet deren Messfähigkeit bei 98 Dezibel.

Riesenspaß als Brückenschlag

Besser vorbereitet sind die Wettbewerber und Zuschauer des Abends. Mit selbst gemalten Postern unterstützen die Studenten ihre Idole. Und die geben auf der Bühne ihr Bestes. Farbige Lederjacken scheinen unter akademischen DJs schwer in Mode: eine orangefarbene trägt die Politikprofessoren-DJane Gabriele Abels, eine rote plus Sonnenbrille ihr Wettbewerbsgegner, Pharmazieprofessoren-DJ Peter Ruth. Abels will mit Doors, Elvis und Weather Girls punkten. Pharmazeut Ruth versucht es mit Nelly Furtado, Rihanna und Robbie Williams.

»Wir brauchen keine Medikamente. Wir brauchen Musik«, ruft er ins Publikum und bietet erstaunlichen Körpereinsatz. Er besteigt hinterm Mischpult eine umgedrehte Getränkekiste, wirft sich dermaßen in Posen, dass es ihm den Schweiß auf die Stirn treibt und DJ Caniggia besorgt hinter ihm in Auffangstellung geht.

Am Ende ihres Zweikampfs erringt die Politikwissenschaftlerin laut Moderator Matthias Wingert alias Wingman 100 Dezibel. Ihr Counterpart aus der Pharmazie überflügelt sie mit angeblichen 105 Dezibel. Zur Erinnerung – die App kann nicht mehr als 98 Dezibel messen und anzeigen.

Für den Wirtschaftswissenschaftler Thomas Dimpfl ist der Auftritt am Plattenteller eine Premiere. »In der Vorlesung bin ich die Ruhe selbst. Mal sehen, ob ich hier umschalten kann.« Zur Vorbereitung und zur Songauswahl habe er ganz viel Spotify gehört. Diesen Aufwand hat sich der Neurochirurg Stephan Herlan gespart. Seine Frau habe ihm die Songs rausgesucht. »Die hat dafür das bessere Gespür.« Richtig ins Zeug gelegt hat sich der Jurist und Kriminologe Jörg Kinzig. Er hat zehn Mitarbeiter mitgebracht, die ihn tanzend auf der Bühne unterstützen sollen. »Team building« nennt er das.

Gegen drei Uhr war laut Veranstalter die Party dann wie geplant beendet, und die letzten der 1 850 Besucher konnten nach Hause gehen. Peter Ruth meinte über die Sause: »Für die Studenten ist das ein Riesenspaß.« Seine unterlegene Kollegin aus der Politikwissenschaft nennt es diplomatisch einen »Brückenschlag«.

 

Referenz
Dieser Text erschien am 12.05.2014 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA). Auf gea.de erschien zusätzlich zum Text noch diese Bildstrecke.