Die kalkulierte Kettenreaktion

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Professor Ulrich Lauer, Oberarzt, Gastroenterologe und Laborleiter an der Uniklinik forscht an einem Therapieverfahren, das Viren zur Krebsbekämpfung einsetzt, der sogenannten Virotherapie. Links neben ihm die Medizindoktorandin Silvia Gross. Foto: Martin Schreier
Professor Ulrich Lauer, Oberarzt, Gastroenterologe und Laborleiter an der Uniklinik forscht an einem Therapieverfahren, das Viren zur Krebsbekämpfung einsetzt, der sogenannten Virotherapie. Links neben ihm die Medizindoktorandin Silvia Gross. Foto: Martin Schreier

Tumorbekämpfung mit Viren

VON MARTIN SCHREIER

TÜBINGEN. Eigentlich sind Viren etwas, das man tunlichst meidet. Wer möchte schon an einer Grippe erkranken, oder schlimmer noch – an SARS, Hepatitis oder gar Ebola? Doch Viren können auch nützlich sein. Als Impfviren verhindern sie gerade jene Krankheiten, die sie sonst auslösen. Doch es geht noch besser. Viren können Krebs bekämpfen. Neu ist das nicht. Wie Professor Ulrich Lauer von der Medizinischen Klinik Tübingen berichtet, wurde schon vor hundert Jahren beobachtet, dass sichtbare Tumore gelegentlich während eines Infekts wegschmelzen. Und in den fünfziger Jahren versuchten Forscher Viren gegen Krebs einzusetzen. Doch erst die wissenschaftlichen Fortschritte der letzten zehn bis 15 Jahre geben Anlass zur Hoffnung, Krebs bald in regulären Therapien mit Viren bekämpfen zu können.

Wie ist das Vorgehen bei einer Virotherapie? „Eigentlich ganz einfach“, meint der Tübinger Gastroenterologe. Der Patient bekommt präparierte Viren verabreicht. Oft sind es Impfviren. Von ihnen weiß man durch millionenfache Impferfahrung, dass sie sicher sind und für gesunde Körperzellen ungefährlich. Zudem wurde in Versuchen mit Zellkulturen und Tieren nachgewiesen, dass Impfviren sehr effizient Tumorzellen infizieren und zerstören. Für die Verabreichung der Viren kommen unterschiedlichste Wege infrage. Eine Möglichkeit ist, dass die Viren gezielt ins Tumorgewebe eingespritzt werden. Nur schlucken darf der Patient das Arzneimittel nicht. Sonst würden die Viren, noch bevor sie die Tumorzellen erreichen, im Verdauungstrakt abgetötet.

Die Virotherapie wirkt zweigleisig. „Sobald ein Virus in eine Krebszelle kommt, fängt es an tausende Nachkommenviren zu produzieren. Die Krebszelle ist dann nur noch mit der Virusproduktion beschäftigt“, erklärt Lauer.

Allerdings hält das ihr Stoffwechsel nur zwei Tage aus. Dann zerplatzt die Zelle regelrecht. Die bis dahin gereiften Viruspartikel werden ausgeschleust und befallen andere, noch nicht infizierte Krebszellen. So arbeitet sich das Virenmedikament durchs Tumorgewebe hindurch. Verstärkt wird der Effekt dadurch, dass die eingebrachten Viren das Immunsystem des Patienten anwerfen. Krebszellen haben normalerweise die Eigenschaft, sich wie hinter einer Tarnkappe vor dem Immunsystem zu verbergen. „Aber in dem Moment, in dem Viren ins Spiel kommen, fällt die Tarnkappe, der Tumor steht nackt da und wird auf einmal deutlich besser erkannt.“ Die Virotherapie bekämpft also den Krebs in einer kalkulierten Kettenreaktion.

Therapie noch nicht ausgereift

Doch noch ist das Therapieverfahren nicht so effektiv, dass ein sogenanntes Virotherapeutikum zugelassen werden konnte. „Das hängt damit zusammen, dass man noch nicht genau weiß, was für welche Tumorerkrankung das optimale Virotherapeutikum ist, wie man es optimal appliziert, was die optimale Dosis ist und wie man es mit den anderen Krebsmitteln kombiniert“, sagt der Tübinger Forscher. Er ist aber zuversichtlich, dass es im kommenden Jahr eine Zulassung für eine Virotherapie gegen Hautkrebs geben wird. „Ich rechne damit, dass in den Folgejahren viele weitere dazukommen werden.“

An der Virotherapie wird weltweit geforscht. Mit führend sind nach Aussage von Lauer die USA und Großbritannien. Deutschland sei zwar von der Ausstattung, Infrastruktur und Ausbildung gut aufgestellt. Aber wenn Firmen hierzulande Arzneimittelstudien machen wollen, sprächen höhere Kosten, strengere Auflagen und längere Genehmigungsverfahren dagegen.

Richtig gut sei man hier aber bei der Qualität der Studien. „So wie wir Autos bauen, so machen wir auch exzellente Studien. Dadurch können wir ein bisschen ausgleichen.“ In Deutschland sind es Universitätskliniken, die sich aufs Neuland der Virotherapie eingelassen haben und ihr Ziel gemeinsam in einem Forschungsverbund verfolgen. Bislang wurden in Deutschland vierzig Patienten virotherapeutisch behandelt, davon mehr als die Hälfte in Baden-Württemberg, davon wiederum neun an der Uniklinik Tübingen und die übrigen an der Uniklinik Heidelberg.

Zu den Forschungsleistungen der Tübinger zählen die Durchführung präklinischer Untersuchungen und die Entwicklung optimierter Impfviren. So konnten etwa Masernimpfviren mit einem sogenannten Suizid-Gen ausgestattet werden. Dieses Gen zwingt die infizierten Krebszellen zum “biochemischen” Selbstmord und verstärkt somit zusätzlich den virusvermittelten Zelltod von Krebszellen, die sogenannte Onkolyse. Bei ihren experimentellen Virotherapien beschränken sich die Tübinger derzeit noch auf Bauchfellkrebs. In Heidelberg stehen Hirntumoren und an anderen deutschen Standorten der Leberkrebs im Fokus der Virotherapieforschung. Doch nach Lauer kommt Virotherapie für alle Krebsarten infrage. Das in Deutschland zunächst an diesen drei Krebsarten geforscht wird, liegt daran, dass bei ihnen ein besonderer medizinischer Bedarf besteht. (sc)

 

Referenz
Dieser Artikel erschien am 07.11.2014 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA).