“Dialog ist Streit”

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Necla Kelek beim Zeitgespräch der Katholischen Erwachsenenbildung, Reutlingen 2013. Foto: Martin Schreier www.schreier.co
Necla Kelek beim Zeitgespräch der Katholischen Erwachsenenbildung, Reutlingen 2013. Foto: Martin Schreier www.schreier.co

 

Islamkritikerin Necla Kelek über Freiheit, Toleranz und Schuld

VON MARTIN SCHREIER

REUTLINGEN. Ihre erste Heimat war die Hürriyetstraße in Istanbul. Als Neunjährige kam sie nach Deutschland, lebte zunächst in der niedersächsischen Provinz, später in Hamburg, Greifswald und Berlin. »Ich habe fast 40 Jahre gebraucht, darüber nachzudenken, was Hürriyet für muslimische Menschen bedeutet«, sagt die deutschtürkische Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek im Spitalhofsaal beim 94. Zeitgespräch. »Hyrriyet – also Freiheit – ist zu meinem Lebensmotto geworden. Vielleicht hat diese Straße mir das Motto gegeben.«

Medial bekannt ist Kelek vor allem als Islamkritikerin und Verfechterin von Bürger- und insbesondere von Frauenrechten. Sie hat an der Islamkonferenz mitgewirkt und sich den Bedenken Ralph Giordanos gegen den Bau der Moschee in Köln-Ehrenfeld angeschlossen. Sie selbst bezeichnet sich im Zeitgespräch der Katholischen Erwachsenenbildung, der Stadt Reutlingen und der Kreissparkasse Reutlingen als Islamkritikerin und Muslimin. Wobei sie zwischen Kulturmuslimen und praktizierende Muslimen unterscheidet und sich zu den Kulturmuslimen zählt.

Vorübergehender Aufenthalt

Dass Deutschland zu ihrer neuen Heimat wurde, verdankt sie ihrem Vater, der ohne Wissen seiner Mutter mit seiner Gattin von Anatolien nach Istanbul zog und später nach Deutschland auswanderte. »Nach dem bürgerlichen Leben in Istanbul wollte er einen Schritt weiter in Richtung Freiheit gehen«, erklärt Kelek

Doch das Leben im Provinzstädtchen Bückeburg war für die Familie zunächst schwierig. »Um sechs wurden die Läden geschlossen, und man sah wirklich niemanden mehr auf der Straße.«

Das bürgerliche Leben in Istanbul sei ein anderes gewesen. Nach dem Essen ging man spazieren, auch Frauen und Kinder. »In dieser Zeit war Istanbul überall Gezipark.« Die Freizügigkeit sei eine Errungenschaft Atatürks gewesen. Denn bis 1923 sei Frauen noch vorgegeben worden, zu welcher Zeit sie welche Straße benutzen durften.

Chance auf Bildung vertan

Viele nach Deutschland ausgewanderte Türken sahen ihren Aufenthalt als etwas Vorübergehendes an. Doch die Schlüsse, die sie daraus zogen, unterschieden sich. Keleks Vater legte großen Wert darauf, dass seine drei Kinder »Bildungskapital« mitnehmen. Anders hätten sich Familien verhalten, die in den 70er Jahren direkt aus Anatolien kamen. Sobald ihre Kinder 15 oder 16 Jahre alt waren, mussten sie für die Familie hinzuverdienen. Chancen auf Bildung und bürgerliches Demokratieverständnis wurden so vertan. Diese zweite Generation der Auswanderer habe ihren Kindern unrecht getan. »Über die Schuld an diesen Kindern ist noch nie gesprochen worden«, sagt die Sozialwissenschaftlerin.

Necla Kelek erwarb das Abitur, studierte und wurde promoviert. Durch ihre wissenschaftliche Arbeit stieß sie darauf, dass viele Frauen aus der Türkei zwangsweise nach Deutschland verheiratet wurden. Sie kritisiert die islamische Parallelgesellschaft, die durch die wörtliche Interpretation des Koran nicht in die Moderne passt und eine Integration erschwert. »Heute wurden wieder Millionen Tiere geschächtet«, sagt sie anlässlich des islamischen Opferfests. Sie könne als gläubige Muslimin nicht glauben, dass sich Allah so etwas für eine Zeit vorgestellt habe, in der es ohnehin Fleisch im Überfluss gibt.

Scharf kritisiert Kelek die rechtliche Situation ums Kopftuch tragen und den Schwimmunterricht von muslimischen Mädchen. »Wenn ich einem sechsjährigen Mädchen erlaube, ein Kopftuch zu tragen, dann legitimiere ich damit eine religiöse Demonstration.« Das sei religiöse Werbung für die einen, erzeuge Druck bei anderen. Gleiches treffe auch auf das Burkini-Urteil zu. In beiden Fällen hätten die islamischen Verbände wieder einmal gewonnen. Dabei sollten doch öffentliche Institutionen säkular sein. Religionen, auch der Islam, dürften kein Tabu sein, müssten hinterfragt werden dürfen. Die Vorsicht, mit der dem Islam begegnet werde, sei falsch verstandene Toleranz und festige letztlich eine Parallelgesellschaft, die eine ganze Menschengruppe aus dem Gesellschaftsvertrag ausklammert.

Grundsätzlich Trennendes

In einem Zeitalter der Globalisierung sei es nicht nur in islamischen Staaten an der Zeit für Aufklärung, sondern auch in
Indien, Afrika und China. Auch dort hätten die Menschen noch kein Recht Fragen zu stellen, sagt Kelek im Gespräch mit den Moderatoren Bernhard Bosold und Karl-Heinz Rauch. In die Bemühungen des Weltethos setzt sie keine Hoffnungen. »Auch wenn ich Herrn Küng sehr schätze – aber das ist kein Dialog, was dort stattfindet.« Dort werde nur über Positives gesprochen. »Dialog ist Streit. Man muss auch sagen, was einen grundsätzlich trennt.« Dann würde man viel mehr voneinander lernen.

 

Referenz
Dieser Artikel erschien am 17.10.2013 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA).