Scheinbar lebensecht

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Benjamin Rudolf mit Augmented-Reality-Brille. Tübingen 2013. Foto: Martin Schreier / schreier.co
Benjamin Rudolf mit Augmented-Reality-Brille. Tübingen 2013. Foto: Martin Schreier / schreier.co

VON MARTIN SCHREIER

MÖSSINGEN. Benjamin Rudolf ist eigentlich kein Brillenträger. Trotzdem besitzt er eine. Diese stammt allerdings nicht vom Optiker, sondern wurde von ihm selbst entwickelt und gebaut. Sie korrigiert keine Fehlsichtigkeit. Sie ist auch nicht als Sonnenschutz gedacht. Ihr Zweck besteht einzig und allein darin, eine mit dem Computer geschaffene Welt in der realen Welt sichtbar zu machen. Augmented Reality (AR) heißt das in der Fachsprache. Zu deutsch: erweiterte Realität. Das Ziel sei dabei, »eine virtuelle Welt zeigen zu können, die zu hundert Prozent mit der realen Welt verschmolzen ist«, erklärt Rudolf.

Der 28-Jährige kann durch seine AR-Brille virtuelle Dinge scheinbar lebensecht in der realen Umgebung sehen und mit ihnen interagieren. Das unten stehende Bild zeigt beispielhaft einen Blick durch die Brille. Zu sehen ist ein reales Zimmer, wie man es auch ohne Brille wahrnimmt, und drei virtuelle Gegenstände (Vase, Roboter und Schirmstehlampe), die darin integriert sind. Nähert sich der Betrachter den Gegenständen, werden sie, wie es der natürlichen Raumwahrnehmung entspricht, scheinbar größer. Der Roboter kann per Fernbedienung bewegt und veranlasst werden, die Vase zu zerschießen.

Fiktive Welten

Mit fiktiven und virtuellen Welten beschäftigt sich Benjamin Rudolf schon seit vielen Jahren. Als Kind und Jugendlicher drehte er mit den Kameras seines Vaters stundenlange Stopp-Motion-Filme. Nach dem Studium der Philosophie und Kunstgeschichte in Tübingen schrieb er sich an der Ludwigsburger Filmakademie Baden-Württemberg für den Studiengang Interaktive Medien ein. Als er sich dort für ein AR-Projekt als Diplomarbeit entschied, stand er vor einem Dilemma. Denn echte AR-Brillen gab und gibt es nicht zu kaufen. »Ich war so sauer auf die Industrie, dass die keine AR-Brille liefert, dass ich sie schließlich selbst gebaut habe«, sagt Rudolf. »Alles, was wir verwendet haben, ist seit 2007 verfügbar und für unter 500 Euro zu haben. Wir haben einfach Dinge zusammengesetzt, die zuvor nicht kombiniert wurden.«

Doch ganz so einfach war die Angelegenheit nicht. Ein fünfköpfiges Kernteam, das nach Bedarf auf bis zu zwölf Personen erweitert wurde, arbeitete mit Benjamin Rudolf an seinem Ziel.

Nicht immer standen alle zur Verfügung. So musste er sich selbst in Linux einarbeiten und lernen, wie man Sourcecode dafür kompiliert, das heißt die Programmier- in Maschinensprache umwandelt.

Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Seine Idee und ihre Umsetzung hat dem Öschinger nicht nur ein Diplom beschert, sondern im Juli auch den Titel »Kultur- und Kreativpilot Deutschland« eingebracht. Dieser wird vom U-Institut und dem Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes verliehen. Belohnt wurde sein Wettbewerbserfolg mit vielen Kontakten zu Leuten aus der Kreativbranche und mit einem Coaching, das ihm hilft, seine Geschäftsidee an den Markt zu bringen.

Einsatz bisher nur im Raum

Wenngleich Benjamin Rudolf mit der AR-Brille ein wichtiger Schritt gelungen ist, sind seine Ziele noch lange nicht erreicht. Die Brille müsse noch um einiges verbessert werden. Zurzeit ist ihr Einsatz nur in einem einzelnen Raum möglich. In der weiteren Entwicklung soll die räumliche Beschränkung schrittweise aufgehoben werden. Dann könnte man sie auch im Freien benutzen.

Die Einsatzmöglichkeiten der AR-Brille sind laut Rudolf vielfältig. Bei Messen könnten Besucher an einem Tisch unterschiedliche Produkte gleichzeitig vorgeführt bekommen. Im Museum könnten Besucher beispielsweise einer virtuellen Mumifizierung bewohnen und diese aus jeder erdenklichen Perspektive betrachten. Das größte wirtschaftlich größte Potenzial verspricht er sich allerdings in der Gamer-Szene, die dann nicht mehr vor dem Bildschirm sitzt, sondern mit der AR-Brille regelrecht in ihre Spielewelt eintaucht.

 

Referenz
Text und Bild erschienen am 10.08.2013 sowohl in der Druck- als auch in der Onlineausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA).