Kollektionen mit eigenem Stil

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VON MARTIN SCHREIER
REUTLINGEN. »Bei Männern muss man auf die Details achten. Bei den Damen sind es die Brustabnäher, die man geschickt verlegen muss«, sagt Tanja Maier. Die Modedesign-Studentin zupft gerade einem ihrer männlichen Models die Hose zurecht. Den Bachelor hat sie schon in der Tasche. Dieses Mal präsentiert sie ihre Abschlussarbeit für den Master. In wenigen Minuten beginnt die große Modenschau der Hochschule Reutlingen. Zum ersten Mal stellen 19 Bachelor- und Masterabsolventen ihre Kollektionen gemeinsam auf dem Campus vor.

Die einen locker, die anderen nervös

Acht Models braucht Maier für ihre Show. Teilweise sind es Kommilitonen aus technischen Studiengängen, andere stehen bei einer Agentur unter Vertrag. Die Stimmung ist locker. Mit einem Bier in der Hand sehen die Jungs ihrem Auftritt gelassen entgegen. Bei den Frauen werden noch die Frisuren geordnet, das Make-up gerichtet und schwindelerregend hohe Schuhe unter die Füße geschnallt. Vor dem Gebäude stehen Helfer und Models und qualmen gegen die Nervosität. »Es ist immer aufregend mit so vielen Frauen unter einem Dach«, scherzt Model Jerusalem Hailesellassie aus Berlin.

Vor der Damentoilette hat sich eine kleine Schlange gebildet. »Ich bin gleich in der ersten Staffel dran und etwas in Eile«, sagt ein Model und tritt nervös von einem Fuß auf den anderen. Eine enge Wendeltreppe führt backstage zur Aula. Wer diese erklommen hat, kann sich auch ohne zu stürzen über den Laufsteg bewegen. Oben wartet Regina Widmann. Sie hat mit den Models Ablauf, Gang und Haltung einstudiert, am Vortag fünf Stunden und vier weitere vor der Aufführung. Bei so vielen Laienmodels sei das eine Herausforderung, meint die Choreografin.

Publikum verzeiht kleinen Patzer

In der Aula sind mittlerweile alle Stuhlreihen besetzt. Weitere Gäste müssen sich drum herum mit einem Stehplatz begnügen. Dann wird die Saalbeleuchtung gedimmt und es passiert erst mal – gar nichts. Mögen sich die Perfektionisten ärgern. Das Publikum nimmt es gelassen. Als schließlich die Models über den Laufsteg defilieren, ist der kleine Patzer schnell vergessen. Denn was die angehenden Modedesigner auf die Bühne bringen, kann sich sehen lassen. Es ist ein Spiel mit unterschiedlichsten Materialien, Fertigungen und Ideen.

Franziska Prändls Konzept orientiert sich beispielsweise am Leben Mahatma Gandhis und bringt eine reduzierte Lebensweise zum Ausdruck.

Bei Sitan Nancy Zewdes Kollektion »Dynamic Urban« treten Raum, Kleidung und Körper in Beziehung. Dunkle, organische Skulpturen stehen in Kontrast zu weißen streng gefalteten Oberflächen und fließenden, halbdurchsichtigen Stoffen. Die mehrstündige Show ist abwechslungsreich und kurzweilig.

Als nach dem letzten Gang die Saalbeleuchtung wieder hochfährt, macht sich freudige Entspannung breit. »Das ist pure Erleichterung«, meint Franziska Prändl. »Es ist ein Wahnsinn, wie viel Aufwand in diesen paar Minuten stecken.« Von der Show selbst hat sie kaum etwas mitbekommen, weil sie backstage zu sehr mit ihren Models beschäftigt war. Manche hätten nur zwei Minuten Zeit zum Umziehen gehabt. Für den Studiengang Textil und Design der FH Reutlingen war die Show ein großartiges Aushängeschild.

 

Referenz
Text und Bild wurden am 01.07.2013 in Druck- und Onlineausgaben des Reutlinger General-Anzeigers (GEA) veröffentlicht. Die Bildstrecke erschien auf gea.de