Ein Fest für Sprachverliebte

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VON MARTIN SCHREIER
Das gedruckte Wort hat nach wie vor eine enorme Anziehungskraft: Das 8. Tübinger Bücherfest zog von Freitag bis Sonntag wieder Massen von Besuchern an, die sich unter freiem Himmel und in Sälen mit Literatur unterhalten und berühren ließen. Das Thema »Gastland Türkei«, vertreten durch interessante Autoren, hatte durch die gegenwärtigen Demonstrationen in Istanbul gegen die Regierung eine besondere Brisanz erhalten.

Leitwort. “Grenzenlos” ist das Leitwort des 8. Bücherfests mit über hundert Lesungen in drei Tagen an rund zwei Dutzend Orten. Vorgetragen wird drinnen und draußen, auf festem Grund und auf wankenden Stocherkähnen. Grenzenlos scheinen nicht nur die schieren Massen der Besucher, die ohne Weiteres den Innenhof des Wilhelmsstifts ausfüllen oder sich in die engen Räume im Stadtmuseum zwängen. Auch mit der Wahl des Gastlands, der Türkei, werden Grenzen überwunden.

Politik und Geschichte. Peter Merseburger spricht über Theodor Heuss, den ersten Bundespräsidenten, und liest aus seiner Biografie über den Politiker, der zu sehr in Vergessenheit geraten sei. Heuss habe sich während seines Studiums in München an der Avantgarde orientiert. »Er hat avantgardistische und bürgerliche Elemente in sich vereint.« Auseinandersetzungen pflegte er mitunter in Versform, so etwa mit seinem Gegenspieler, dem SPD-Politiker Carlo Schmid. Merseburger beleuchtet auch die Partnerschaft Heuss’ mit Elly Knapp-Heuss. Die beiden seien ein hochmodernes Paar gewesen. Mitunter sorgte Knapp-Heuss für das Einkommen, als erfolgreiche Werbetexterin. Heuss sei populärer gewesen als Adenauer. Mit seinem schwäbischen Dialekt habe er seine Herkunft nie verleugnet. Unvergessen sein Satz bei einem Manöver der Bundeswehr: »Na, nun siegt mal schön.«

Mord. Im großen Verhandlungssaal des Landgerichts geht es um Mord. Soweit normal. Doch dieses Mal ist es die Lust an der Fiktion, die den Saal bis in die letzte Sitzreihe füllt. »Ich habe damit gerechnet, dass mir drei Leute zuhören und ich ihnen hinterher das Geld zurückgeben muss«, sagt Elisabeth Herrmann kokettierend.

Sie liest aus »Das Dorf der Mörder« und schlägt ihre Zuhörer in Bann. Es geht um die Streifenpolizistin Sanila Beara, eine Migrantin, die vom Vorgesetzten zum Kaffeeholen geschickt wird und stattdessen unberechtigt Ermittlungen vornimmt. Eine Tierzüchterin, die liebevoll Rattenbabys pflegt, um sie später an Zoos als Tierfutter zu verkaufen, gerät in Verdacht. Aber hat sie wirklich den Tod eines Mannes verschuldet, von dem Pekarischweine nur noch Knochenreste übrig gelassen haben?

Politik und Diplomatie. »Wenn wir die Wahrheit sagen, haben wir uns versprochen«, heißt das Buch des Nachfahren des berühmten Lügenbarons. Doch Ernst Freiherr von Münchhausen verspricht sich nicht und sagt offenbar doch die Wahrheit. Durch berufliche Kontakte zu Diplomaten sind ihm kuriose Geschichten zu Ohren gekommen. Der Traum eines jeden Diplomaten sei ein Job in London, Paris oder Washington. Doch wem eigenmächtiges Handeln vorgeworfen wird, für den kann sich der Traum auch mal in einen Albtraum verwandeln. Das merkte ein Diplomat als er in Ungnade gefallen nach Mazar-i-Sharif versetzt wurde. Statt Diplomaten-Villa erwartete ihn dort ein Container. Kompliziert kann es aber auch für die Diplomaten-Gattinnen werden, wenn sie eine Einladung zum Dinner mit der Queen erhalten und die Kleiderordnung länger ist als der Einladungstext. Allein die Unterwäsche soll nicht Teil des Regelwerks sein.

Kindergeschichten. Im Alten Botanischen Garten liegen eine Decke und ein paar Kissen. Darauf rund ein Dutzend Kinder, die den Vorlesern des Fördervereins Lese-Haus Tübingen lauschen. Am späten Nachmittag liest Brigitta Kasprzik aus »Mein Urgroßvater und ich« vor. Eine der darin enthaltenen Geschichten dreht sich um einen stotternden und hinkenden Seemann. Damit die Kinder sich vorstellen können, wie es ist, wenn sich eine Sprachbehinderung anfühlt, spricht Kasprzik mit den Kids Zungenbrecher.

Komisch. Seine Zuhörer müssen Harry Rowohlt so lustig finden, dass sie sogar in Gelächter ausbrechen, wenn in seiner Gegenwart ein Kind schreit oder die Glocken des Wilhelmstifts schlagen.

Er nimmt das Leitwort des Bücherfests besonders ernst, beginnt schon vor der angekündigten Uhrzeit. Weniger ernst nimmt er die Nöte seiner Berufskollegen. Ihnen empfiehlt er: »Machen Sie es wie ich, schreiben sie auf Bestellung, dann brauchen sie sich über die Veröffentlichung keine Sorgen machen.« Auch Eltern, die ihn fragen, ob ein Buch schon im Alter ihrer Kinder geeignet sei, kommt er naseweis. »Wenn das Kind doof ist, ist es mit 65 noch zu jung.« Mit seinem Zigarettenkonsum macht er Altkanzler Helmut Schmidt Konkurrenz.

Lustig. »Wir haben immer einen Erotikteil – außer an Weihnachten«, sagt Werner Schärdel. Er liest Texte von Gerhard Polt, Carl Valentin und F. W. Bernstein. Von Robert Gernhardt trägt er vor, mit welchen Schwierigkeiten ein Paar beim Sex zu kämpfen hat. Jeder stellt Vermutungen an, was der andere denkt und wie er die Handlungen seines Gegenüber interpretiert. Gesprochen wird dabei nichts oder nur wenig, denn »die Körper haben das Wort«, und »wenn einer ankommt, ist das immerhin die halbe Miete«. Das Jazz-Duo Tuba Libre bestreitet die musikalische Umrahmung.

Dämmerlicht. Die letzte Lesung am Samstag steht im Kontrast zur milden Luft hinter der Stiftskirche. Fee Katrin Kanzler hat in Tübingen Philosophie und Anglistik studiert und währenddessen in vier Jahren ihren Debütroman »Die Schüchternheit der Pflaume« geschrieben. Detailliert beschreibt sie die Gedankenströme einer in sich gefangenen Sängerin. Menschen, denen die Protagonistin begegnet, bleiben meist namenlos, werden oft nur nach ihrer Funktion benannt etwa als Bassmann, Gastgeber oder Du. Kanzler bezeichnet die innere Lebenswelt der Erzählerin als verkapselt. Den Gästen gefällt, was die Jungautorin unter dem Arbeitstitel »Kopfkino« verfasst hat. Nach dem letzten Autogramm hüllt sich der Platz in Dunkelheit.

 

Referenz
Dieser Text erschien am 10.06.2013 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA). In der Onlineausgabe erschien außerdem eine umfangreiche Bildstrecke.