Die letzten Turmwächter

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Sabine Ergenzinger, Enkelin von einem der letzten Turmwächter, im Stiftskirchen-Turmzimmer. Tübingen 2012. Foto: Martin Schreier / schreier.co
Sabine Ergenzinger, Enkelin von einem der letzten Turmwächter, im Stiftskirchen-Turmzimmer. Tübingen 2012. Foto: Martin Schreier / schreier.co

 

TÜBINGEN. Um Mitternacht begann sein Nebenjob, 45 Meter über dem Boden, sieben Mal in der Woche, werktags wie feiertags. Dann löste Wilhelm Baumann, einer der letzten Turmwächter von Tübingen, bis zum Tagesanbruch seinen Vater Friedrich Baumann ab. Dieser war für die übrigen Stunden zuständig. Ob im Sommer oder im Winter, bei guter Sicht oder im Schneesturm – Wilhelm Baumann wachte jede Nacht vom Turm der Stiftskirche aus über die Stadt. Nach der Dienstordnung musste er sich jede Viertelstunde nach allen Himmelsrichtungen umsehen und alle Stunde einen »Umgang auf dem Turmkranz« machen, um Brände frühzeitig zu entdecken.

Zur Kontrolle seiner Wachsamkeit musste er alle 15 Minuten in jede Himmelsrichtung mit einer Hupe ein Signal geben: zur Viertelstunde einen Stoß, zur halben Stunde zwei Stöße und zur Dreiviertelstunde drei Stöße. Zur vollen Stunde ersetzte das Nachschlagen der Stundenzahl an der Glocke das Hupen. Entdeckte der Wächter etwas, das auf eine Feuergefahr schließen ließ, musste er es der Polizeiwache melden. Wenn eindeutig ein Brand ausgebrochen war, musste er gleich das Feuerglöckchen läuten. Während bei Tageslicht eine rotgelbe Fahne in jene Himmelsrichtung zu hängen war, in der der Brand ausgebrochen war, kam bei Dunkelheit eine rot leuchtende Petroleumlampe zum Einsatz.

Bis Mitte der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts engagierte die Stadt Tübingen Turmwächter auf der Stiftskirche: einen Hoch- beziehungsweise Hauptwächter für die Tages- und die halbe Nachtzeit sowie einen Beiwächter für die zweite Nachthälfte.

Sabine Ergenzinger hat einen der letzten Turmwächter noch persönlich gekannt. Sieben Jahre war sie alt, als ihr Großvater, der ehemalige Beiwächter Wilhelm Baumann, starb. Es sind nur wenige Erinnerungsstücke, die ihr vom Großvater geblieben sind; darunter zwei Bilder. Auf einem prosten sich die Beiden zu – der große Opa und die kleine Sabine. »Ich habe ihn sehr geliebt und er mich«, sagt Ergenzinger. »Er war eine der wichtigsten Personen in meiner Kindheit.«

Zu ihren Erbstücken zählt auch eine große, rostige Schneiderschere. Wenn sich Ergenzinger an ihren Großvater erinnert, sieht sie ihn in der Werkstatt in der Hinteren Grabenstraße als Schneidermeister. Er im Schneidersitz auf dem Schneidertisch, sie auf einem kleinen Tischchen daneben. Mitunter durfte sie ihm zur Hand gehen, die Heftfäden ziehen. Als kleines Kind kannte sie ihn nur als Schneider. Dass er früher zusätzlich als Turmwächter gearbeitet hatte, dafür interessierte sie sich erst später.

“Turmwächter waren wie Totengräber zwielichtige Gestalten”

Als sie als Büroangestellte im Institut für Empirische Kulturwissenschaft arbeitete, ermutigte Professor Utz Jeggle sie, über die Tübinger Turmwächter nachzuforschen. Er half ihr, ging mit ihr gar ins Stadtarchiv. »Da hatte ich dann Feuer gefangen und immer weiter recherchiert.«

Mittlerweile hat Ergenzinger eine ganze Menge Informationen zusammengetragen. Kopien aus dem Stadtarchiv, Zeitungsartikel, Abschriften von Bewerbungen und Schriftwechsel.

»Als Turmwächter hatte man einen Job unter widrigen Bedingungen«, sagt Ergenzinger. »Turmwächter waren wie Totengräber oder Henker zwielichtige Gestalten. Man war auf sie angewiesen, wusste gleichzeitig nicht so recht, was sie da droben trieben.«

Als Hochwächter, wie es Ergenzingers Urgroßvater, Friedrich Baumann, von 1916 bis 1923 gewesen war, bekam man für sich und seine Familie eine kleine Wohnung im Stiftskirchenturm gestellt. Die Ebene mit dem Turmkranz fungierte als Familienschlafkammer. Darüber befanden sich Küche und Wohnstube. Von einem Vorgänger Baumanns weiß man, dass er dort oben sogar ein Klavier besaß. Gemütlich könnte man denken. Doch der Schein trügt. Zwar bekamen die Turmwächter Brennholz und Lampenöl gestellt. Doch die Winter waren kalt, das Leben auf dem Turm umständlich. Eine Wasserleitung gab es nur bis zur sogenannten Mausbühne, der Ebene unterhalb des Turmkranzes. Dort stand auch ein »Abtritt«, eine Art Toilette ohne Wasser- und Abwasseranschluss, die regelmäßig geleert werden musste. Aber nicht aufs Kirchendach, so die Vorschrift in der Dienstanweisung.

Als Turmwächter kam man schnell in Misskredit. Brände waren im alten Tübingen nicht immer leicht zu erkennen. In der Stadt wurde mit Holz- oder Kohlefeuer geheizt und gekocht. Rauch war deshalb kein sicheres Zeichen für einen Brand. Trotzdem wurden Fehlalarme, verspäteter oder gar ausbleibender Alarm dem Turmwächter gleichermaßen als Versagen angerechnet.

So kritisiert der Oberamtmann nach dem Großbrand von 1771 beim Haagtor, dass die Hochwächter auf dem Glockenturm und auf den fünf Toren das Feuer nicht zuerst gesehen und sofort Sturm geschlagen haben. »Den Torwart unter dem Haagtor wie seinen Hochwächter soll der Beck Klumpp mit vieler Mühe haben wecken müssen«, schreibt der Beamte. Den Reutlingern und Rottenburgern sei das Feuer erst bekannt geworden, als sie es selbst am Nachthimmel gesehen haben. Bei der Brandkatastrophe starben damals eine Mutter und ihr elfjähriges Kind. 17 Häuser und Scheunen fielen dem Feuer zum Opfer.

Ein solches Desaster blieb den Turmwächtern Baumann zwar erspart. Trotzdem kam es auch in ihrer Amtszeit zu Spannungen. »Wenn man die Schriftstücke zwischen 1916 und 1924 durchliest, merkt man, dass der Ton meines Urgroßvaters schärfer wird«, sagt Ergenzinger. Friedrich Baumann wurde die Stelle als Hochwächter nur »in vorläufiger und stets widerruflicher Weise auf Wohlverhalten« gewährt. Wegen eines Fehlalarms musste er sich im 1921 bei der Polizei verantworten und sagt dort laut Protokoll aus: »Ich weiß von der ganzen Sache nichts. Ich lag im Bett und schlief. Meine Frau versah den Dienst und ist scheint’s verschlafen, als sie plötzlich von einem heftigen Läuten aufwachte, in der Aufregung nicht lange prüfend, was es bedeute, einfach Alarm anschlug.« Unterschreiben wollte der Wächter seine Aussage nicht. Für 2,40 Mark am Tag lasse er sich keine Vorschriften machen.

Ein Jahr später wird ihm vorgeworfen, Schäden am Kirchendach verursacht zu haben. Wie der Stadtbaumeister Haug schreibt, habe ein Dachdecker die Dachrinnen unterhalb des Stiftskirchenturms »gestrichen voll« mit Urin, Fäkalien und so weiter vorgefunden, sodass die Holzkonstruktion durchnässt, teilweise morsch und faul war.

Der Kirchengemeinderat beantragt beim Gemeinderat daraufhin, den Hochwächter möglichst bald zu entlassen. Vom Stadtpfarrer wird dem Hochwächter zudem vorgeworfen, Baumann sei »von einer Studentenkneiperei schwer betrunken heimgebracht und von den Studenten in seine Turmwohnung hinaufbefördert worden«. Diese hätten dann auch noch durch »Zusammenläuten der Stiftskirchenglocken die Stadt alarmiert«.

Das nächtliche Läuten gibt Baumann im Dezember 1922 zu. Die Verunreinigung des Daches mit Urin und Fäkalien hingegen streitet er ab. Er erklärt die Probleme mit dem Schüttstein, der am Turmkranz für Küchenabwasser angebracht war und auch nur dafür benutzt worden sei. Eine mögliche Kündigung zum 1. Januar 1923 will er nicht akzeptieren, zumal seine Frau krank und nicht transportfähig sei. Am 15. Januar 1923 beschließt der Gemeinderat, Friedrich Baumann zum 1. April zu kündigen.

Es sind nicht nur die Unstimmigkeiten, die den Posten des Hochwächters untergraben. Technische Möglichkeiten machen eine Brandwache auf dem Kirchenturm entbehrlich. Doch Baumann wehrt sich nach Kräften gegen eine Kündigung und einen Auszug aus der Turmwohnung. Grund dafür dürfte neben der schweren Erkrankung seiner Frau auch die Wohnungsnot in Tübingen gewesen sein.

Im April 1923 erscheint in mehreren deutschen Zeitungen ein Artikel, der die Entlohnung und Arbeitsbedingungen der Tübinger Hochwächter anprangert. »So unglaublich es klingen mag, es ist doch wahr, dass es heute noch Leute in Deutschland gibt, die für ein Jahresgehalt von 900 Mark, das sind circa 10 Brötchen, arbeiten müssen.

Der Arbeitgeber, der sich den Luxus eines solchen Gehalts erlaubt, ist die Stadt Tübingen«, heißt es in dem Artikel. Unerwähnt bleibt darin, dass dem Hochwächter mit seiner Familie die Turmwohnung kostenfrei überlassen wird. Die Veröffentlichung zieht eine Reihe von Leserbriefen an die Stadt Tübingen nach sich. Aus Pfuer in Westfalen spottet Waldemar Feesen: »Wir Bergleute im Ruhrgebiet, wir senden […] die herzlichsten Glückwünsche zu der herrlichen Besoldung Eures Nachtwächters. […] Wir bewundern Euren akademischen Großmut dem Arbeiter gegenüber.«

Die Stadt Tübingen geht davon aus, dass Baumann den Zeitungsbericht veranlasst hat, und verlangt von den veröffentlichenden Zeitungen eine Berichtigung, in der die kostenfreie Wohnung, Beleuchtung und Heizung erwähnt werden. Nach der Kündigung der Hochwächterstelle wohnte Friedrich Baumann noch bis Mai 1924 auf dem Turm. Er war verpflichtet auf Verlangen der Polizeiwache Großfeuersignal mit der Stundenglocke zu schlagen und tagsüber die letzte Stundenglocke nachzuschlagen. Wilhelm Baumann, Ergenzingers Großvater, wurde bereits zum Juli 1923 gekündigt. Heute ist der Turm bis zur Kranzebene für Besichtigungen geöffnet. Von der Turmwächter-Einrichtung ist allerdings nichts mehr vorhanden.

 

Referenz
Dieser Text erschien am 31.12.2012 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA).