Leben und Augenlicht gerettet

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VON MARTIN SCHREIER
TÜBINGEN. »Ich bin unheimlich froh über das Ergebnis«, sagt Siegmar Reinert, Ärztlicher Direktor der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Universitätsklinikum Tübingen. »Ich habe mit dem Schlimmsten gerechnet.« Doch mit einer einzigen – allerdings aufwendigen und komplizierten – Operation konnten die Mediziner das Chondrosarkom, einen äußerst seltenen Knochentumor, aus dem Gesicht ihres kleinen Patienten, dem damals vierjährigen Leo, entfernen.

Seine Mutter hatte im August vergangenen Jahres bemerkt, dass Leos linkes Auge hervortrat und suchte mit dem Kind einen Augenarzt auf. Der überwies direkt an die Augenklinik in Tübingen. Auf den Bildern von Kernspin- und Computertomografie erkannten die Tübinger Mediziner einen Tumor, der bereits die gesamte linke Nasenhaupthöhle bis zur Schädelbasis und die anliegenden Augenhöhlenwände zerstört hatte und unbehandelt zum Tod geführt hätte.

Schwierige Diagnose

Durch die Nasenhöhle wurde unter Narkose eine Gewebeprobe entnommen. Doch die Pathologen taten sich schwer mit der Diagnose. Eine eindeutige Diagnose konnte erst gestellt werden, nachdem zwei Referenzpathologen in Kiel und Basel zurate gezogen wurden. Denn die Krebserkrankung des Jungen ist mit den Worten der Mediziner eine »Rarität«. Chondrosarkome sind an sich schon ein seltener Knochentumor. Wenn dann treten sie am ehesten bei älteren Patienten ab 60 Jahren auf und dann vor allem im Beckenbereich und an den Extremitäten. Doch dieses Mal war ein Vierjähriger betroffen und dann auch noch mit seinen Gesichtsknochen. »Ein solcher Fall ist unseres Wissens noch nie beschrieben worden«, sagt Reinert.

Da der Tumor drohte, den Sehnerv zu zerstören und rasch wuchs, musste Leo dringend operiert werden. »Wir wussten damals noch nicht, wie wir den Tumor komplett entfernen können.« Mit einem verdeckten Schnitt vom Mund aus konnten die Mediziner durch die Nasenhaupthöhle den Nasenschlauch öffnen und den etwa fünf Zentimeter großen Tumor entfernen.

Eine weitere Herausforderung bestand darin, die nun fehlenden Knochen, insbesondere im mittleren Augenhöhlenrand und im Augenhöhlenboden, zu rekonstruieren. »Dafür gibt es keine vorgefertigte Lösung«, sagt Professor Reinert. Mit zurechtgebogenen und -geschnittenen Titangittern bildeten die Mediziner das fehlende Gewebe nach, sodass es möglichst dem Ursprünglichen entsprach. »Das war schon kniffelig, weil es dazu keine metrische Vorlage gibt. Das stresst den Operateur«, berichtet Reinert. Denn kleinste Abweichungen hätten bei Leo zu doppeltem Sehen geführt. Doch die Tübinger konnten die Schwierigkeiten bewältigen. »Leo hat freie Augenbeweglichkeit.« Zudem blieb die Operation ohne äußerlich sichtbare Narben.

Zehn Jahre lang Kontrolluntersuchungen

Doch bei allem Erfolg – ob ein Patient tatsächlich vom Krebs geheilt ist, kann erst nach mehreren Jahren gesagt werden, besonders bei jungen Patienten. Ein Jahr ist seit der Operation vergangen. »Entwarnung kann man noch nicht geben«, sagt Reinert. »Aber nach drei guten Kernspinkontrollen sind wir sehr zuversichtlich.« Mindestens zehn Jahre muss Leo nun alle drei bis vier Monate sicherheitshalber untersucht werden.

Abgesehen von möglichen Rezidiven könnte Leo noch ein anderes Problem bevorstehen. Die Titangitter, mit denen die Gesichtsknochen in den Augenhöhlen rekonstruiert wurden, wachsen nicht mit dem Vierjährigen mit. Vielleicht müssen sie in einer späteren Operation ausgetauscht werden. Möglich wäre aber auch, dass der Knochen durch die Gitter wächst und sich ein erneuter Eingriff erübrigt.

 

Referenz
Dieser Text erschien am 18.10.2012 in der Druck- und Onlineausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA).