“Den Himmel überlassen wir den Theologen”

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Der baden-württembergische Finanzminister Nils Schmid beim Bezirkskirchentagi. Tübingen 2012. Foto: Martin Schreier / schreier.co
Der baden-württembergische Finanzminister Nils Schmid beim Bezirkskirchentagi. Tübingen 2012. Foto: Martin Schreier / schreier.co

 

VON MARTIN SCHREIER
TÜBINGEN. Er ist eigenem Bekunden nach kein regelmäßiger Kirchgänger. Auch ein Dankgebet vor dem Essen kommt ihm nicht über die Lippen. Aber auf die Kirche und besonders auf seine evangelische Landeskirche hält er trotzdem große Stücke. Obwohl seine Frau Muslima ist, konnte das Ehepaar Nils und Tülay sich in der Evangelischen Kirche kirchlich trauen lassen. „Eine tolle Leistung“, nennt das der baden-württembergische Finanzminister. Er findet Kirche und Religion dürften ruhig mehr in die Öffentlichkeit hineinwirken und zu aktuellen, politischen Themen Stellung beziehen.

Mit einer Viertelstunde Verspätung war der SPD-Politiker zu Vortrag und Diskussion mit den Besuchern des Tübinger Bezirkskirchentag am Samstagvormittag in die Hermann-Hepper-Halle gekommen. Die Dekanin des Kirchenbezirks Tübingen, Marie-Luise Kling-de Lazzer, rechnet Schmid hoch an, dass er in sich für die Beschäftigten der in Konkurs gegangenen Drogeriemarktkette eingesetzt hat. Wie er zur Kirche steht, wisse sie nicht. „Ich habe feste recherchiert und nichts gefunden“, sagt die Dekanin. „Ich bin gespannt.“

„Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat schonungslos offen gelegt, wie sich verantwortungsloses Handeln auswirkt“, sagt Nils Schmid. Für ihn gelte der Satz des ehemaligen Bundeswirtschaftsministers Karl Schiller, „So viel Markt wie möglich, so viel Staat wie nötig.“ Natürlich nutzt Schmid seinen Auftritt auch dazu, die Verdienste der eigenen Politik herauszustellen, darunter das Tariftreuegesetz, das nicht nur Mitarbeitern sondern auch Betrieben zugute komme. „Wir brauchen beides: Akteure, die sich sozial verhalten und Regeln, die soziales Verhalten fördern und anderes sanktionieren.“ Er bemängelt, dass die Bundesregierung in Sachen Finanztransaktionssteuer nicht weiter gekommen ist.

Schmid stellt fest, dass sich die Akteure der Wirtschaft nicht von selbst fair verhalten. Als Beispiel nennt er die US-Großbank JP Morgan Chase, die erst in den letzten Wochen durch Finanzwetten drei Milliarden US-Dollar verzockt hat. Es sei klar, dass die Realwirtschaft nicht zur Geisel der Finanzwirtschaft gemacht werden dürfe. Die Finanzwelt sei wichtig, habe aber nur eine dienende Aufgabe. Darum habe die SPD stets ihren Schwerpunkt auf die produzierende Industrie gelegt, nicht auf die Finanzindustrie. „Wir brauchen Wertschöpfung aus Produktion.“

Zum Schluss seines Vortrags geht der Minister noch auf das Motto des Kirchentags „Himmel und Erde bewegen“ ein. „Den Himmel bewegen, ist eine Sache, die wir den Theologen überlassen“, so Schmid. Doch was die Erde angeht, so sei verantwortungsvolles Handeln gefragt.

Bei der Fragerunde mit dem Publikum wird der Minister mit Themen zwischen Gemeinwohlökonomie, islamischem Finanzrecht und verpflichtenden Ethikseminaren für Betriebswirtschaftsstudenten konfrontiert. Ein Zuhörer fragt, wie es möglich ist, Regeln global Gültigkeit zu verschaffen. „Die Einführung internationaler Regeln gelingt nur, wenn Europa selbst große Einigkeit zeigt“, so Schmid. Von Strafzöllen eines einzelnen Landes auf Produkte, die nicht nach dessen eigenen sozialen und ökologischen Maßstäben hergestellt wurden, hält er nichts. Das führe nur dazu, dass sich andere Länder mit anderen Regeln wehrten.

 

Referenz
Dieser Text erschien am 21.05.2012 auszugsweise in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA). Außerdem veröffentlichte der GEA zum Bezirkskirchentag in Tübingen diesen Text und diese Bildstrecke.