Verbote bringen nichts

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VON MARTIN SCHREIER
DUSSLINGEN. Warum sind die schulischen Leistungen von Jungen im Durchschnitt schlechter als von Mädchen? Warum machen mehr Mädchen Abitur als Jungen? Eine wichtige Ursache hat der Professor für Kriminologie Christian Pfeiffer im Medienkonsum ausgemacht. Mit dieser Botschaft kam Pfeiffer einen Tag lang ans Schulzentrum Steinlach-Wiesaz. Am Vormittag hatte er mit Schülern der Klassen 5 bis 7 diskutiert, am Nachmittag mit Lehren. Und am Abend referierte der 68-Jährige noch vor Eltern.

Da die Pädagogik das Thema verschlafen habe, betreibe er neben der kriminologischen Forschung auch Schulleistungsforschung. Auffallend sei, dass Schulabbrecher und Sitzenbleiber mehrheitlich männlich sind und dass beim Abitur und bei den Hochschulabschlüssen die Frauen führend sind. Im Jahr 1990 sei das Verhältnis noch nahezu ausgeglichen gewesen.

Der entscheidendste Faktor für die schulischen Leistungen von Kindern sei zwar der Bildungsabschluss der Eltern. So würden bildungsferne Eltern ihre Kinder eher mit Medienkonsum beschäftigen als andere. Doch das erkläre noch nicht, die unterschiedlichen Leistungen der Geschlechter. Diese seien hingegen vom Ausmaß des Medienkonsums und den konsumierten Inhalten abhängig. Je mehr Zeit mit Computerspielen und Fernsehen verbracht werde und je brutaler die Inhalte sind, je schlechter sind die Zensuren.

Pfeiffer fand in repräsentativen Umfragen Unterschiede im Freizeitverhalten von Jungen und Mädchen. Während jeder dritte 15-Jährige mehr als drei Stunden mit Computerspielen verbringt, trifft das nur auf jedes zehnte gleichaltrige Mädchen zu. Außerdem bevorzugen Jungen zehn Mal häufiger Spiele, die wegen ihrer Gewaltdarstellungen nur für Erwachsene zugelassen sind. Das Problem an exzessiven Gewaltinhalten sei, dass sie eine starke emotionale Wirkung haben und flüchtige Lerninhalte im Kurzzeitgedächtnis überlagern.

Einem Vorurteil tritt Pfeiffer entgegen: „Ballerspiele lassen einen nicht automatisch zum Amokläufer werden. Wut und Hass entsteht im realen Leben.“ Allerdings hätten Computerspiele eine Verstärkerrolle und verminderten die Empathiefähigkeit. „Wer dauernd diese Spiele spielt, verringert die inneren Widerstände Gewalt auszuüben.“

Gibt es weitere Faktoren, die zu geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Leistungen führen? Politiker hätten behauptet, der Männermangel in den pädagogischen Berufen sei Ursache. Pfeiffer ist der These nachgegangen. In der Tat bekommen Mädchen mehr Lob. Allerdings ist das nicht vom Geschlecht der Lehrkraft abhängig. Die These der Politiker sei deshalb unbegründet. Die unterschiedliche Behandlung erleben Jungen auch im Elternhaus. Väter schmusen mehr mit ihren Töchtern als mit den Söhnen. Die Jungen erleben so, dass es Mädchen besser haben.

Professor für Kriminologie Christian Pfeiffer Dusslingen 2012. Foto: Martin Schreier / schreier.co
Professor für Kriminologie Christian Pfeiffer. Dusslingen 2012. Foto: Martin Schreier / schreier.co

Früher seien Jungen als Stammhalter den Mädchen bevorzugt worden. Doch heutzutage erleben sie einen Bedeutungsverlust in der Gesellschaft und sind verunsichert. Das könnte auch ein Grund sein, warum sie sich in Macho-verherrlichende Computerspiele flüchten. Was hilft? Verboten erteilt Pfeiffer eine klare Absage. Die seien eher ein Zeichen pädagogischer Einfallslosigkeit. Väter müssten lernen, liebevoller mit ihren Söhnen umzugehen.

Zudem fordert Pfeiffer die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen; allerdings nicht als Verwahranstalt. Beispielen aus den USA und Neuseeland folgend, empfiehlt Pfeiffer vormittags Lernstoff und am Nachmittag die leidenschaftliche Vermittlung von Hobbys. Sport und Musik seien für die geistige Gesundheit enorm wichtig. In einer Schule bei Chicago, USA, würden jeden Tag 21 000 Schüler zu 40 Minuten Fitness mit kontrolliertem Pulsschlag zwischen 160 und 190 motiviert. Die Sportnote gebe es dort für die relative Verbesserung der Fitness. „Die kleinen Dicken können hier so endlich mal die Note 1 erreichen“, scherzt Pfeiffer.

 

Referenz
Dieser Text erschien am 20.04.2012 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA).