Schwerer Raub mit leichtem Taschenmesser

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VON MARTIN SCHREIER
TÜBINGEN. Verurteilt wird er dieses Mal wegen besonders schwerem Raub in Tateinheit mit schwerer räuberischer Erpressung. Doch der Dettenhäuser ist bereits vierfach vorbestraft. Diebstahl, Körperverletzung, Sachbeschädigung und Morddrohung hat er schon auf dem Kerbholz. Als er am Donnerstag den Saal des Landgerichts betritt, trägt er ein dunkles Hemd mit Streifen, die Haare zum Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Die Hände liegen noch in Handschellen. Trotzdem grüßt er mit seiner Rechten hin zum Publikum. Es ist die selbe Hand, die das Messer hielt, mit dem er am 25. Januar vergangenen Jahres eine Angestellte des Spielkasinos Deluxe im Tübinger Nonnenhaus bedrohte.

Als Grund für seinen Raubzug nennt er finanzielle Sorgen. Weil er für ein Jahr Miete schuldet ist ihm die Zwangsräumung aus der Sozialwohnung angekündigt worden. Mit dem Raub will er einen Teil seiner Mietschulden begleichen. Die Nacht vor dem Überfall macht er kein Auge zu. Den ausgesuchten Tatort kennt er. Zwei, drei Mal sei er dort gewesen, habe deshalb gewusst, wo die Videoüberwachung platziert sei. Um vier Uhr morgens begibt er sich zu Fuß von Dettenhausen nach Tübingen. Mit sich führt er eine Tasche mit Kleidung zum Wechseln, ein Schweizer Taschenmesser und einen Rucksack für die erhoffte Beute. Im Alten Botanischen Garten verstaut er die Tasche mit den Klamotten im Gebüsch.

Mit einer tief ins Gesicht gezogenen Baseballkappe betritt er, kurz nachdem es um sechs Uhr öffnet, das Casino, spielt an einem Automaten und vergewissert sich während dessen, dass außer der Angestellten niemand anwesend ist. Wenig später geht er mit gezücktem Taschenmesser zu ihr rüber. „Gib’s Geld her.“ Die Angestellte versucht ihn noch von seinem Vorhaben abzubringen, weist ihn auf die Videoüberwachung hin. Er nähert sich ihr weiter, kommt durch die Schwingtür hinter die Theke und greift sich die Geldscheine aus der Kasse.

Weil er die Münzen mit Handschuhen nicht gut greifen kann, lässt er sich diese von ihr in den Rucksack packen. Der Überfall dauert nur wenige Minuten. Dann verlässt er das Casino, zieht sich im Alten Botanischen Garten um, lässt dort seine Tasche mit der Baseballkappe und seiner Jacke zurück.

In der Wilhelmstraße fährt ein Polizeiauto an ihm vorbei. Er fühlt sich sicher und geht in eine Bäckerei einen Kaffee trinken. Dann fährt er mit dem Bus nach Dettenhausen zurück. Die Beute ist mit rund 1 800 Euro größer als er gehofft hat. Doch statt seine Mietschulden zu begleichen, verprasst er das Geld in einer Böblinger Lokalität. Die Polizei findet seine im Park zurückgelassenen Sachen. Sie muss dafür nur der Spur im Schnee folgen. Doch die DNA-Spur verrät ihn erst nach einem weiteren Raub in einer Schlecker-Filiale in Dettenhausen. Für den sitzt er nun bereits verurteilt in Ravensburg ein.

Der Psychologische Gutachter Stephan Bork hat beim Verurteilten eine Persönlichkeitsstörung festgestellt. Dieser befinde sich auf dem Niveau eines Heranwachsenden. Trotzdem sei er einsichts- und steuerungsfähig. Für entwurzelt hält ihn sein Verteidiger, Ulrich Schumacher. „Der ist nicht mal in der Lage einen Hartz-IV-Antrag zu stellen.“ Der vorsitzende Richter Martin Streicher folgt dem geforderten Strafmaß der Staatsanwältin Tatjana Grgić mit sechs Jahren und drei Monaten. Dabei berücksichtigt er den Raub in der Schlecker-Filiale. Für mehrere Straftaten gebe es Rabatt.

 

Referenz
Dieser Text erschien am 23.03.2012 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA).