Aufschieberitis und Schlaf bekämpft

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Drei Studentinnen bei der Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten. Tübingen 2012. Foto: Martin Schreier / schreier.co
Drei Studentinnen bei der Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten. Tübingen 2012. Foto: Martin Schreier / schreier.co

 

VON MARTIN SCHREIER

TÜBINGEN. »Lernzentrum, ruhiger Arbeitsbereich« steht an der Glastür zu einem lang gestreckten Raum in der Tübinger Unibibliothek.

Selbst nach Mitternacht sitzen hier noch über hundert Studenten und brüten über Büchern, Kopien und Laptops. Nur das Klackern der Tastaturen und Gemurmel, das vom Foyer hereindringt, sind zu hören. Es ist die »Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten« (wir berichteten).

»Der Titel ist ironisch, aber dennoch ernst gemeint«, sagt Matthias Beilein vom universitären Schreibzentrum. Der Germanist hat mit seiner Kollegin Rosita Frei die Aktion in Tübingen organisiert. »Wir möchten niemandem nahelegen, seine Hausarbeiten in einer Nacht zu schreiben.« Die Lange Nacht soll vielmehr Anstoß für einen Neuanfang sein. Beilein weiß, dass es unterschiedliche Lerntypen gibt. »Ich selbst kann keinen Trubel und keine Leute beim Schreiben gebrauchen«, räumt er ein. Aber für andere sei das genau das Richtige.

Für Geografiestudent Sebastian Hoerz kommt die Lange Nacht zur rechten Zeit. Bei ihm steht die Diplomarbeit an. »Man drückt sich lange und traut sich nicht ran«, beschreibt er die Situation, die viele andere Studenten mit ihm teilen. »Sitznachbarn lenken mich weniger ab als das Internet und die sozialen Netzwerke daheim.« In dieser Nacht hat er ein Stück an seiner Abschlussarbeit weitergeschrieben. Nun wartet er, dass er bei der mobilen Massage an die Reihe kommt.

Hilfe bei Schreib-Problemen

Für tiefe Entspannung sorgt Christiane Zeman. Auf ihrem Stuhl bietet die Studentin der Theologie und Erziehungswissenschaft Wellnessmassage an. Wie viele Rücken und Schultern sie schon bearbeitet hat, weiß sie nicht. Sie hat aufgehört zu zählen. Trotzdem ist sie nach Stunden noch mit Spaß bei der Sache. Wer von ihrem Stuhl aufsteht, sieht danach glücklicher und zufriedener drein.

Neben der langen Öffnung der Unibibliothek und ihrem Lernzentrum sind allgemeine und fachspezifische Schreibberatungen Kernstück der Langen Nacht. Für nahezu jedes Schreib-Problem gibt es einen Ansprechpartner. Daniela Schmeiser vom Deutschen Seminar hatte bis 22 Uhr bereits acht Beratungen gegeben. Zu ihr sind in der Mehrzahl Studenten gekommen, die sehr gut sind, und welche, die Schwierigkeiten haben. Die einen wollen noch besser werden, die anderen suchen den richtigen Zugang.

Dass das Schreiben mit der Langen Nacht in den Fokus gerückt wird, findet Schmeiser wichtig. Für viele Studenten sind Schreib-Probleme Teil einer Schamzone. Hier stellen sie fest, dass sie mit ihren Schwierigkeiten nicht allein sind. Wichtiger als die fertige Arbeit sei beim wissenschaftlichen Schreiben der Weg: Lernen, Verstehen, Formulieren.

Nachtarbeit mit Kinderbetreuung

Bei den Studenten kommt die Aktion gut an. Wirtschaftsstudent Markus Maier nutzt sie, um auf eine Prüfung zu lernen. »Ich finde die Idee super. Das ist wie beim verkaufsoffenen Sonntag«, meint er. Sonia Peignard sieht in der Langen Nacht einen guten Ansatz dafür, dass man die Studierenden begleitet und nicht allein lässt. Das Yoga-Angebot könne es jeden Tag geben. Die Sportstudentinnen Hanna Schüler und Dorothee Schäfer müssen gemeinsam eine Hausarbeit im Seminar »Sport, Stress und Erholung« schreiben. Sie haben sich Rat zur Zitierweise geholt und den Pausenexpress genutzt. Schüler findet: »In so einer Atmosphäre schreibt es sich leichter.« Schäfer wünscht sich: »So eine Nacht könnte es an jedem Semesterende geben.«

Selbst für studierende Eltern war gesorgt. Kinderbetreuung die gesamte Nacht über ermöglichte Claudia Jochen aus Orschel-Hagen, sich ihrer Abschlussarbeit zu widmen. Ihr einjähriger Henri war gut aufgehoben. »Ich gehöre noch zu den Dinosauriern, die eine Magisterarbeit schreiben«, meint sie selbstironisch. Auch sie kennt die Aufschieberitis. »Man braucht einen Grund, um mit dem Schreiben anzufangen. Das hier ist ein toller Grund. So eine Lange Nacht sollte es öfter geben.«

Bis um 6 Uhr am Morgen haben 68 Studierende durchgehalten. Bei einem Frühstück konnten sie sich noch für den Heimweg stärken.

 

Referenz
Dieser Text erschien am 03.03.2012 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA). Online wurde außer dem Text noch eine Bildstrecke veröffentlicht.