Zur Freude junger Anzugträger

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Jan Fleischhauer, Kolumnist von "Der schwarze Kanal" auf Spiegel-Online beim Jahresempfang der Jungen Union in der Betzinger Zehntscheuer Reutlingen 2012. Foto: Martin Schreier / schreier.co
Jan Fleischhauer, Kolumnist von “Der schwarze Kanal” auf Spiegel-Online beim Jahresempfang der Jungen Union in der Betzinger Zehntscheuer Reutlingen 2012. Foto: Martin Schreier / schreier.co

 

Von Martin Schreier

REUTLINGEN-BETZINGEN. Feind ist, wer links ist. Das wird beim Jahresempfang des Kreisverbands der Jungen Union Württemberg Hohenzollern am Freitagabend in der Betzinger Zehntscheuer schnell klar. Auf eine Abgrenzung nach rechts wartet man an diesem Abend vergebens. In den vordersten Reihen haben überwiegend Herren und Menschen in ihrer typischen Arbeitskleidung, also Anzug und Krawatte, Platz genommen. Der CDU-Landtagsabgeordnete Dieter Hillebrand hat sich in eine der hinteren Reihen verdrückt, obwohl in der ersten Reihe für ihn reserviert war.

»Das Thema Linke beschäftigt uns in regelmäßigen Abständen«, sagt der Bezirksvorsitzende der Jungen Union Württemberg-Hohenzollern, Marcel Bonnet, in seinem Grußwort. Mit der moralischen Keule schlügen diese auf Konservative ein. »Die Linke wird nicht ohne Grund vom Verfassungsschutz beobachtet«, meint Bonnet. Den Grünen wirft er Intoleranz vor. Die Landesregierung kritisiert er für ihr Ansinnen, die obersten Landesbeamten in den Regierungspräsidien auszuwechseln.

»Bei uns zählen Werte, für die wir einstehen«, sagt Bonnet. Keine neun Stunden sind vergangen, seit Christian Wulff vom Amt des Bundespräsidenten zurückgetreten ist. Trotzdem wird dieser Makel nicht angesprochen – zumindest vorläufig und später nicht ganz freiwillig. »Wer überzeugen will, muss auch mal was zuspitzen.« Das allerdings scheint Bonnet vor allem für sich und seine Gesinnungskameraden in Anspruch zu nehmen. Passend dazu haben die Jungen der Union Jan Fleischhauer, den Autor der Spiegel-Online-Kolumne »Der schwarze Kanal«, als Gastredner verpflichtet. In Anspielung darauf sagt Bonnet: »Der schwarze Kanal ermöglicht es auch uns, ein Mal in der Woche mit Freude Spiegel-Online zu lesen.«

Fleischhauer, der nach eigenem Bekunden bei der letzten Bundestagswahl FDP gewählt hat, gibt der schwarzen Seele, was sie braucht. Um Missverständnissen vorzubeugen, erklärt er: »Wenn ich von den Linken spreche, meine ich nicht die Partei. Die halte ich eher für eine Sekte, deren Anhänger deckungsgleich mit den Hartz-IV-Empfängern sind.« Damit auch niemand diesen Tiefschlag verpasst, wird er ihn am Ende seines Auftritts noch einmal wortgleich wiederholen.

Linke – Sozialdemokraten und Grüne sind da eingeschlossen – sind für ihn wie eine »Glaubensbewegung, in der feststeht, was man tun darf und was nicht«. In kurzen Videoeinspielungen führt Fleischhauer die Objekte seines Spotts vor: ob Prominente und Anhänger des linken Lagers, ob Demonstrant, Verdi-Vorsitzenden, Grünen-Abgeordneten oder Theater-Intendanten.

Dass die Videos auch eine Menge über den Interviewer Fleischhauer aussagen, scheint auf dem Treffen der Jungen Union niemand zu interessieren. So etwa, wenn Fleischhauer eine zu weiten Teilen von Verdi-Institutionen organisierte Demonstration mit Anschlägen auf Polizisten in Verbindung bringt und den Verdi-Vorsitzenden Frank Bsirske fragt, ob er sich bei den Polizisten entschuldigt habe. Am weniger souveränen Umgang des Verdi-Vorsitzenden ergötzen sich dann die jungen CDU-Anhänger.

Am Ende stellt sich Fleischhauer den Fragen aus dem Publikum. Eine junge Frau möchte wissen, was er über Wulffs Rücktritt denkt. Das Thema habe nun sein vorläufiges Ende erreicht, meint Fleischhauer. »Mich stört, wenn sich immer alle gleich ganz einig sind.«

Und ein paar Sätze später: Die Deutschen seien lange Zeit sehr gespalten, was die Wulff-Frage anging. Piefiges Häuschen, Spießertum: Ihn habe die Abwertung des Milieus gestört, aus der Wulff komme.

Man müsse die Angelegenheit von ihrer positiven Seite her sehen, meint Fleischhauer. Es habe niemanden gegeben, der die Deutschen so zusammengeführt hat wie Wulff. Immer wenn in letzter Zeit Menschen miteinander ins Gespräch kamen, sei es um Wulff gegangen.

Fleischhauer tritt der Befürchtung entgegen, die Medien hätten zu große Macht. Das Thema sei nicht allein durch die Medien auf der Agenda geblieben. Die Klickzahlen bei Online-Veröffentlichungen hätten das Leserinteresse deutlich gemacht.

Zu seinen eigenen Veröffentlichungen in der Causa Wulff behauptet er, er habe Wulff nie verteidigt und nie gefordert, die Recherche solle eingestellt werden. Und selbst aufs konservative Lager will sich der mehrfache Familienvater Fleischhauer nicht festlegen. Wenn die Konservativen mal eine große Mehrheit hätten, könne er sich vorstellen, wieder für die Linken einzutreten.

 

Referenz I
Text und Bild erschienen am 20.02.2012 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA) sowie auf gea.de

 

Referenz II
Der im GEA veröffentlichte Artikel zog einige Leserbrief-Reaktionen nach sich. Eine Leserin kritisierte ihn als “respektlos und daneben”. Sie wünschte sich weniger Polemik. Ein anderer fragte, ob der Autor des Artikels zu den “Mehrheits-Journalisten” zählt, die die CDU einfach nicht mögen. Es seien nicht einmal eine Hand voll “Anzugträger mit Krawatte” anwesend gewesen. Eine andere Leserin hielt den Artikel hingegen für “besonders lesenswert”, sein Stil sei “geschliffen, süffisant und pointiert”. Wer austeilt, müsse auch einstecken können. “Mich hat dieser Artikel im GEA positiv überrascht”, schrieb sie.

Ob nun polemisch, voreingenommen oder pointiert – der Artikel wurde letztlich von den Fakten, die der Vorsitzende der Jungen Union Württemberg Hohenzollern Marcel Bonnet (“Bei uns zählen Werte, für die wir einstehen”) geschaffen hatte, in den Schatten gestellt. Über Bonnet schrieb der GEA rund zwei Jahre später: “Ex-JU-Chef soll ins Gefängnis