“Das Schreiben ist meins”

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Jungautorin Lea Melcher. Foto: Martin Schreier
Lea Melcher, Jungautorin und 17-jährige Reutlinger Gymnasiastin (2012). Foto: Martin Schreier

 

VON MARTIN SCHREIER

REUTLINGEN. »Irgendwann war Lesen nicht mehr genug«, sagt die junge Frau. Ihre dunkelbraunen Haare reichen über ihre Schultern, rahmen ihr Gesicht ein, während sie entspannt auf dem elterlichen Sofa sitzt. Die Nachmittagssonne taucht das helle Wohnzimmer in freundliches Licht. Mit vielen Büchern sei sie nicht zufrieden gewesen. Das war vor rund sechs Jahren, als Lea Melcher gerade mal elf war. In diesem Alter fing sie an zu schreiben – und tut es immer noch.

Sechs Bücher hat sie geschrieben, zwei davon im Eigenverlag veröffentlicht. Am siebten arbeitet sie derzeit. »Ich schreibe jede Sekunde«, sagt die 17-jährige Gymnasiastin. »Schreiben ist etwas, das im Kopf stattfindet. Es begleitet einen immer – auch wenn man abends zum Schlafen ins Bett geht. Schreiben ist keine Tätigkeit, sondern ein Zustand. Schreiben gehört in meinen Alltag, wie Essen und Schlafen.« Es sind solche Sätze, die unterstreichen, dass es Lea Melcher nicht um eine jugendliche Schwärmerei geht,
sondern um den Fixpunkt ihres Lebens.
An die Anfänge im jungen Teenageralter erinnert sie sich noch gut. »Es war nicht so, dass ich mir vorgenommen habe, ein Buch zu schreiben«, sagt sie. »Ich wollte einfach Geschichten erzählen. Die wurden dann länger und länger.« Außergewöhnlich findet sie ihren Frühstart nicht. »Das Leben ist in diesem Alter nicht so spannend«, meint Melcher. »Dann ist es schön, eine Welt zu haben, die keinem anderen gehört.«
Beeinflusst von der drei Jahre älteren Schwester standen bei der jungen Teenagerin zunächst Fantasy-Romane hoch im Kurs: Herr der Ringe, Harry Potter und wie sie alle heißen. Von Cornelia Funkes Sprache war sie begeistert. Aktuell fühlt sie sich eher von Autoren wie Ian McEwan beeinflusst.

Rückblickend könnte sich ihr Weg schon in der Kleinkindzeit angedeutet haben. »Ich habe sehr früh und viel geredet und bin relativ spät gelaufen«, sagt Melcher. Im Unterrichtsfach Deutsch habe sie stets sehr gute Leistungen gebracht. Auch in den anderen Fächern sei sie gut gewesen, aber nicht im Sinne einer Überfliegerin, sondern, wie sie sagt, »in einem normalen Rahmen«.

Auch wenn ihre bislang veröffentlichten Bücher Fantasy-Romane sind – auf ein bestimmtes Genre will sich Lea Melcher nicht festlegen. Wichtiger ist ihr nach wie vor, dass sie Geschichten erzählt. »Ich weiß gar nicht, ob ich alle veröffentliche.« Seit einem Jahr wird sie gegenüber Verlagen von einer Agentur vertreten. Den dritten und letzten Teil ihrer Fantasy-Triologie will sie aber noch im Eigenverlag auflegen.

Wichtige Unterstützung erhielt und erhält die junge Autorin von ihrer Familie und ihren ehemaligen Lehrern. Mit einer Pädagogin aus der Grundschule ist sie befreundet.

Ein mittlerweile pensionierter Lehrer hatte sich dafür eingesetzt, dass sie sich für ein Frühstudium einschreiben konnte. So studiert sie seit der zehnten Klasse neben Schule und Autorentätigkeit auch noch Neuere Deutsche Literatur an der Uni Stuttgart.

»Meinen Eltern war das gar nicht recht, dass ich auch noch studiere. Die hatten die Sorge, dass es zu viel ist, und hätten sich gefreut, wenn ich ein Instrument gelernt hätte.« Geige hat sie mal gespielt. Aber Bücher sind ihr einfach wichtiger. »Ich lese immer noch viel – fürs Studium, aber auch sonst.« Zu ihrer Lektüre zählen neben Romanen auch Zeitung und Blogs, Sachbücher, Biografien, Geschichtsbücher und psychologische Bücher. Pro Woche lese sie durchschnittlich ein Buch. Fremdsprachige Literatur empfindet sie als entspannend, egal ob auf Englisch, Französisch oder Spanisch.

Auch Schwedisch hat sie lieb gewonnen. Kein Wunder, denn Schweden ist ein beliebtes Reiseziel ihrer Familie. Und Lea Melcher kommt das als junger Autorin zugute. »Man hat Natur um sich herum, Musik und Zeit. Inspirierender kann es gar nicht sein«, schwärmt sie.

Vor wenigen Wochen ist sie erst von einem Schwedenurlaub zurückgekehrt.

Im vorletzten Urlaub habe sie 300 Seiten geschrieben. Allerdings auf Papier, weil ihre Eltern nicht wollten, dass sie ihren Laptop mitnimmt.

Im Urlaub zuvor hatte sie den Rechner dabei und an einer Konzeption gearbeitet. Ihre Herangehensweise habe sich über die Jahre geändert. »Je öfter ich Bücher anfange, je mehr arbeite ich an ihrer Entwicklung«, erklärt sie. Schließlich brauchen Verlage Exposés und Pitches, also Vorschauen und skizzenhaft dargestellte Ideen. »Das muss stehen, bevor man sich an seine Agentur wendet«, sagt die 17-Jährige und klingt so abgeklärt und selbstbewusst, wie eine alte, etablierte Schriftstellerin.

Erfahrungen hat sie natürlich auch mit Schreibblockaden. Früher habe sie dann schon mal Angst bekommen, dass sie das Schreiben verloren habe. Mittlerweile geht sie entspannter damit um. »Ich habe so oft die Erfahrung gemacht, dass es (das Schreiben) wieder kommt. Wenn man Panik schiebt, kommt es erst recht nicht.« Zu ihrem persönlichen Notfallplan zählen Joggen und Duschen. »Das funktioniert bei mir meistens. Da hat aber jeder seine Eigenheiten«, sagt sie mit ruhiger, sicherer Stimme.

Schule, Universität und Schreiben – wie geht das zusammen? Melchers Blick wandert hinaus in den Garten, bevor sie antwortet. Dass das alles miteinander konkurriert, sieht sie nicht. Schule müsse halt sein – schon als Voraussetzung für die Uni. Eigentlich wäre sie aber auch mit Universität und Schreiben zufrieden. Noch ein Jahr muss sie die Schulbank drücken. Aber das kriegt sie auch noch rum. Und immerhin – durch die Uni habe sie die Freude am Lernen wiedergefunden. Zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zählen viele Menschen, die älter sind als sie – wegen der Uni, aber auch weil sie mit ihrer Mutter gemeinsame Freunde hat. »Ich komme mit vielen Leuten sehr gut klar.« Natürlich habe sie auch gleichaltrige Freunde.

»Es tut gut, mit Gleichaltrigen abends wegzugehen.« Aber nicht jeder versteht ihre Lebensweise. Manche fragten sie, was sie sich da mit Schreiben und Uni alles auflädt. Dann müsse sie sich verteidigen. Andere zeigten Interesse und ließen sich ausführlich schildern, was sie macht. Oft sei sie diejenige, die man um Rat fragt. »Ich höre mir viele Sorgen an. Das Gefühl, gebraucht zu werden ist auch schön.«

Und sie selbst? Macht sie sich keine Sorgen angesichts eines engen Buchmarktes? »Momentan verspüre ich keinen Druck, weil ich noch kein Geld verdienen muss. Und dann steht ja auch noch das Studium an«, sagt Melcher. »Für mich ist es ein Spiel, in dem ich nur gewinnen kann.«

Und gewonnen hat Lea Melcher schon – auch in wörtlichem Sinne. Drei Mal gewann sie an ihrer Schule, dem Johannes-Kepler-Gymnasium, einen Förderpreis der Karl-Danzer-Stiftung für besonderes Engagement und förderungswürdige Leistungen im literarischen Bereich. Und im Frühjahr vorigen Jahres war sie eine der Gewinnerinnen des »21. Landeswettbewerbs Deutsche Sprache und Literatur Baden-Württemberg«.

Mit ihrem ersten Wettbewerbsbeitrag, der gleichzeitig ihre erste Kurzgeschichte war, war sie mit rund zwei Dutzend weiteren Gewinnern unter 1 000 Teilnehmern ausgewählt worden. Eigentlich kein Wunder, bei jemandem der so überzeugt und selbstbewusst von sich sagen kann: »Das Schreiben ist meins.«

 

 

 

Die Romane
Lea Melchers Fantasy-Romane »Pechschwarz – Die Welt der Yoori« (500 Seiten) und »Meerblau – Die Welt der Yoori« (376 Seiten) sind im Trellis-Verlag erschienen und jeweils für 12,90 Euro im Buchhandel erhältlich.

 

 

Referenz
Dieser Artikel erschien am 29.09.2012 sowohl in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA) als auch im Internet auf gea.de.