Immer flott auf der Rolle

with Keine Kommentare
Albrecht Bauer aus Wankheim, Seniorenweltmeister im Speedskating. Foto: Martin Schreier / schreier.co
Albrecht Bauer aus Wankheim, Seniorenweltmeister im Speedskating. Foto: Martin Schreier / schreier.co

 

VON MARTIN SCHREIER

KUSTERDINGEN-WANKHEIM. Albrecht Bauer ist viel unterwegs. Als Handelsvertreter für Holzbearbeitungsmaschinen reist er mit seinem Auto durch die Lande. Unterwegs ist er aber auch aus einem anderen Grund. Der 61-Jährige besucht international Speedskating-Wettkämpfe – nicht als Zuschauer, sondern als Teilnehmer. Über Pfingsten fuhr er ins Burgund zum »Roller Marathon Dijon«, dem französischen Weltmeisterschafts-Cup. Auch dort war er unterwegs, und zwar schneller als alle anderen seiner Altersklasse. Nach 19 Runden auf der gut zwei Kilometer langen Strecke stand Albrecht Bauer als Sieger fest. »Ich bin erst der dritte deutsche Weltmeister«, sagt er.

Als ein bisschen erfolgsverwöhnt kann man ihn schon bezeichnen. 33 Deutsche Meisterschaftsrennen ist Bauer gefahren. Nach jedem stand er auf dem Treppchen, bei 28 davon als Sieger. »In Deutschland habe ich nicht so viele Konkurrenten«, sagt der gebürtige Tübinger. Wenngleich Speedskating nach Hochgeschwindigkeit klingt, so geht es dabei nicht nur um Tempo. Mitunter könne es auf solchen Wettkämpfen zeitweise recht gemütlich zugehen. »Die Rennen entscheiden sich am Ende im Sprint. Da kann es dann sehr eng werden.«

Taktik entscheidet

Vieles sei Taktik. »Ich muss nicht dauernd die Führung haben«, sagt Bauer. Es sei ähnlich wie beim Radrennen, wo Sprinter wie Erich Zabel lange Strecken im Windschatten der Mannschaftskollegen mitschwimmen. Auch in Dijon war Bauer mit einem Kollegen des Deutschen Nationalteams angetreten. Doch als Windschattenspender fiel dieser früh aus. Bauer musste alleine kämpfen.

Seine Taktik in Dijon war, den Sprint schon 500 Meter vor dem Ziel zu beginnen. Am Eingang zur Zielgeraden hatte er noch die gesamte Führungsgruppe vor sich. Als er dann so früh attackierte, nahmen das die übrigen Wettkämpfer wohl nicht alle ernst. So verwies er seinen italienischen Konkurrenten Stefano Lota auf Platz zwei und Jacques Houssais von der Equipe de France auf Platz drei.

Als Kind ist Bauer zwar Roll- und Schlittschuh gelaufen. Doch das habe lange Zeit keine Rolle mehr gespielt. Denn er interessierte sich mehr fürs Mittelstrecke-Laufen. Als er seinem Jüngsten von einer Reise aus den USA Inline-Skates mitbrachte, wurde das letztlich für ihn selbst zum Auslöser. Mit 48 Jahren packte ihn die Begeisterung: »Inliner geben mir ein Gefühl der Freiheit.« Er liebt das schnelle Dahingleiten.

Von Rennradlern animiert

Pro Woche trainiert Bauer zehn bis zwölf Stunden. Dass er selbstständig ist, kommt ihm dabei zugute. So kann er sich flexibler auf Wetter, Training und Arbeit einstellen. Wenn es Winter ist und die Inliner im Schrank bleiben müssen, macht er Krafttraining und Spinning, also Ausdauersport auf stationären Fahrrädern. Denn er weiß: »Was man im Winter nicht geschafft hat, kann man im Sommer nicht mehr reinholen.«

Häufig trainiert der Wankheimer auf dem Radweg zwischen Tübingen und Kirchentellinsfurt. Wenn dort jemand zügig mit dem Rennrad unterwegs ist, dann ist das für Bauer fast eine Aufforderung zum Angriff. In der Ebene bringt er es auf 45 Kilometer pro Stunde. Bei Wettkämpfen bergab können es sogar Tempo siebzig oder achtzig werden. Den Marathon in Dijon fuhr er mit einem Schnitt von 31 Stundenkilometern.

Bei zwei Fragen wird der sonst so auskunftsfreudige Weltmeister wortkarg. Auf die Frage nach den Kosten seines sportlichen Engagements verrät er nur, dass allein die Inliner-Schuhe ohne Rollen rund 1 000 Euro kosten, weil es notwendigerweise Maßanfertigungen aus Carbon sein müssen. Die andere Frage scheint ihm noch unangenehmer zu sein, nämlich ob er beim Skaten schon mal einen Unfall hatte. Aus Rücksicht auf seine Frau möchte er nicht ins Detail gehen, gibt aber zu, dass es mal einen Unfall gab, der auch tragisch hätte enden können. Doch mit dem Skaten sei es wie mit dem Auto fahren. Man müsse halt umsichtig sein.

Und wie lange will der 61-Jährige noch auf acht Rollen unterwegs sein? »Solange ich mich fit und gesund fühle, werde ich weiter fahren«, sagt Bauer. Seit die Kinder aus dem Haus sind, begleitet ihn öfters seine Frau zu den Wettkämpfen – aber als Zuschauerin.

 

Referenz
Text und Bild erschienen am 16.06.2011 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA) sowie auf gea.de.