Überrascht von der Vielfalt

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Von Martin Schreier

TÜBINGEN. “Wir möchten Tübingen zur Bogensport-Hochburg machen”, sagt Jens Waschull. Gemeinsam mit Peymann Taravati und Engelbert Tschernitsch hat er das zumindest für zwei Tage am Wochenende geschafft.

Die Drei organisierten eine zweitägige Sportbogenmesse in der Mensa Morgenstelle und mit der Unterstützung örtlicher Vereine ein Rahmenprogramm mit zwei Wettkämpfen an drei Standorten. Nur wer um Tübingen einen großen Bogen machte, bekam nichts vom Bogensport mit.

Während auf der Morgenstelle die Messe eröffnet, bieten die Schützen vom Schloss und die Castle Archers im Schlossgraben einen Tag der offenen Tür und ein 3D-Turnier. Dabei dürfen Bogenfreunde auf dreidimensionale Tierattrappen zielen. Teilweise sind die Gastgeber im Stil des ausgehenden Mittelalters gekleidet. Anne Schneider trägt eine Surcotte und erklärt: “Wir wollen dem Publikum nicht nur das Bogenschießen nahe bringen, sondern auch einen historischen Rückblick vermitteln.”

Auf der ersten Bogensport-Messe in Tübingen präsentieren rund dreißig nationale und internationale Aussteller ihre Waren. Als Laie ist man überrascht von der Vielfalt der Sportgeräte und dem technischen Knowhow, was in ihnen steckt. Wer bei dem Wort “Bogen” nur an ein gebogenes Haselnussholz mit einer mehr oder weniger strammen Paketschnur denkt, sieht sich hier Sportgeräten gegenüber, die vom Aussehen nicht mehr viel mit dem aus der Kindheit bekannten Indianerspielzeug gemein haben.
Der so genannte Compoundbogen arbeitet mit einem Seilsystem, das an einen Flaschenzug erinnert. Diese Technik wirkt mit sechzig Pfund auf den Pfeil, während der Schütze nur dreißig Prozent der Kraft davon aufbringen muss.

Claus Brinkmann importiert solche Geräte aus Kanada und berichtet, dass sie in Nordamerika überwiegend zur Jagd genutzt werden. Sein Kollege Jürgen Krüger war in Ungarn bereits mit Pfeil und Bogen auf Wildschweinjagd und erzählt, was daran reizt: “Man muss wesentlich vorsichtiger sein, weil man näher an das Tier heran muss, als wenn man es mit einer Schusswaffe erlegt.”

Am Samstagnachmittag wurde die Neckarinsel zur Wettkampfarena. “Es ist eher selten, dass so etwas im Stadtzentrum stattfindet”, sagt Peyman Taravati. Zuvor waren auf dem Sportgelände des TV Derendingen unter dreißig Schützen die Finalisten aus den beiden Stilarten, dem olympischen Recurve und dem modernen Compoundbogen, ermittelt worden.

Unterbrochen wurde der finale Wettkampf von einem Benefiz-Schießen mit dem TV-Koch Vincent Kling. Der plaudert aus dem Nähkästchen. Er habe am Vormittag noch etwas geübt, weil er seit einem Jahr nicht mehr geschossen habe. “Aber mein motorisches Gedächtnis ist gut”, sagt er und scherzt: “Ich bin genauso schlecht wie vorher.” Den Bogensport betreibt er, weil es für ihn etwas Meditatives hat. Eigentlich habe er Kyudo, die Kunst des japanischen Bogenschießens, lernen wollen. Doch dafür hätte er vorher ein Jahr lang meditieren müssen. Und das wäre ihm dann doch etwas zu lang gewesen.

 

Referenz
Text und Bild(er) erschienen am 22.05.2011 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA) sowie auf gea.de.