“Er braucht manchmal Insiderinformationen”

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Von Martin Schreier

KUSTERDINGEN. War das nun Politik als Krimi oder eher ein Krimi als Politik? Wie auch immer – der dritte Teil der »Grünkultour« mit dem Schriftsteller Wolfgang Schorlau und dem Bundestagsmitglied der Grünen Winfried Hermann lockte derart viele Besucher, dass es in der oberen Etage des Kusterdinger Bauernhofcafés sehr eng wurde. Die Tübinger Grünen hatten mit der Härteliste Kusterdingen zu diesem speziellen Kultur-Politik-Mix geladen.

Dass dabei grüne Positionen eher im Hintergrund blieben, begründet Hermann damit, dass man den Schriftsteller nicht als Etikette missbrauchen wollte.

Schorlau und Hermann kennen sich, hatten sich aber aus den Augen verloren. Das änderte sich, wie Hermann erzählt, als er eines Tages unaufgefordert Schorlaus Roman »Brennende Kälte« zugeschickt bekam. Dem Buch lag ein Zettel mit den Worten bei: »Das könnte Sie interessieren«. »Wie kommt der darauf?«, habe sich Hermann noch gefragt und erntet Gekicher aus dem Publikum. Doch dann erinnerte sich der Grünen-Politiker an frühere Begegnungen mit Schorlau.

Der erste Roman, aus dem Schorlau las, handelt von der posttraumatischen Belastungsstörung eines deutschen Soldaten, aber auch von einer neuen Waffe, die Menschen mittels Mikrowellen durch Mauern hindurch verbrennt. Den Hinweis auf derartige Waffen erhielt der Autor von jemandem, der sie mit entwickelt hat. Damit seien sie ebenso real wie die deutschen traumatisierten Soldaten, die zurück in der Heimat zu tickenden Zeitbomben werden.

Hermann berichtet, dass auch er über die Aktivitäten deutscher Kräfte in Afghanistan im Unklaren gelassen werde. Auf seine Anfrage habe er lediglich zur Antwort bekommen, »die tun nichts, was sie nicht dürfen«. Schorlau ist überzeugt, dass auch Deutsche an gezielten Tötungen beteiligt sind, und meint: »Wir werden noch mal überrascht sein, was da alles berichtet werden wird.«

Dass sich der Autor in seinen Romanen so nah an der Wirklichkeit orientiert, führt beim Leser nicht nur zum Wiedererkennen bekannter Orte und Figuren – selbst Winfried Hermann kommt als Nebenfigur vor.

Krimiautor Wolfgang Schorlau bei Lesung in Kusterdingen 2010. Foto: Martin Schreier
Krimiautor Wolfgang Schorlau bei Lesung in Kusterdingen 2010. Foto: Martin Schreier

Der Mix aus Fiktion und Realität offenbart auch schmutzige Machenschaften im deutschen Rechtsstaat.

In »Das München-Komplott« verarbeitet Schorlau den Anschlag auf das Oktoberfest vor 30 Jahren und Ungereimtheiten bei den anschließenden Ermittlungen. Die Idee zum Roman bekam der Wahl-Stuttgarter durch einen Tipp. Er habe eines Tages einen Anruf erhalten. Der Anrufer fragte ihn, ob er Wolfgang Schorlau sei. Als bejahte und fragte, wer das wissen wolle, bekam er zu Antwort: Das tut nichts zu Sache. Wir haben Informationen für ihn. Auf die Frage, wo er diese kriegen könne, antwortete der Anrufer: Wir stehen vorm Haus. Auf diesem Weg bekam Schorlau Einblick in die Ermittlungsakten.

Was Schorlaus nächstes Thema ist, wollte er – vielleicht aus ermittlungstaktischen Gründen – noch nicht verraten. Sicher ist, wie Hermann sagt: »Wir tauschen uns manchmal aus. Er braucht ja Insider-Informationen.«

 

Referenz
Dieser Text erschien am 28.09.2010 in der Druckausgabe des Reutlinger General-Anzeigers (GEA) sowie auf gea.de.